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Die Magie des Spezifischen


oder wie wir Originelles und Spezifisches verwechseln

Eine Frage, die ich mir beim Schauen von zahlreichen Impro-Vorstellungen immer und immer wieder gestellt habe, ist: Warum sind manche Improspieler*innen einfach voller Esprit und manche eben nicht? Warum schaffen es manche, mit wenigen Worten starke, inspirierende Bilder, Szenenanfänge und Figuren zu erschaffen, während die Angebote anderer Spielerinnen irgendwie farblos bleiben? Warum will ich bei einigen Szenenanfängen am liebsten sofort mitspielen und bei anderen mich in den Seitenabgängen der Bühne verdrücken?

Irgendwann hab ich festgestellt, dass es daran liegt, wie spezifisch die Angebote sind. Und mir wurde nach und nach klar, warum eine Rose, die den Namen „King George“ trägt und dunkelrote große Blüten sowie viele Dornen hat, sehr viel interessanter und leichter zu bespielen ist, als eine Blume, die mir zum Geburtstag übergeben wird. Es ist eine Sache, ob ich eine Wohnung eingeladen werde oder diese Wohnung ein Penthouse mit riesiger weißer Liegewiese-Couch und Blick über Frankfurt ist oder vielleicht auch eine dunkle Keller-Wohnung mit Geruch nach Kartoffeln und flackernden Neonröhren. Spezifität bringt uns dazu, Bilder zu sehen, Gerüche zu riechen, quasi direkt vor Ort zu sein. Und vor allem sorgt sie dafür, dass die Szene wie von selbst entsteht. Als Zuschauerin hab ich das Gefühl, dass die Improspielerin mit der Kellerwohnung gleich eine ganze Story-Idee mitbringt, dabei hat sie nur dafür gesorgt, dass es genügend Spezifika gibt.

Ein Missverständnis und Hindernis auf dem Weg ist jedoch, dass Spezifisch-sein meist mit Originell-sein verwechselt wird. Ersteres zoomt in auf ein Angebot: Wenn die Wohnung im Keller liegt, dann ist auch naheliegend, dass sie dunkel und vielleicht feucht ist. Wenn sie etwas feucht ist, ist auch naheliegend, dass es einen etwas modrigen Geruch gibt. Da Kartoffeln im Dunkeln (und oft im Keller) gelagert werden, ist es naheliegend, dass die Wohnung nach Kartoffeln riecht. Wenn die Wohnung dunkel ist, ist naheliegend, dass das Licht nicht besonders modern ist, bäm: Neonröhren. Wenn die schon älter sind, funktionieren sie nicht mehr hundertprozentig, bäm: Flackern. Alles, was ich tue, ist, dem Kreis der Erwartung zu folgen.

Der Kreis der Erwartung (oder Kreis der Möglichkeiten) ist ein Konzept, das ich von Keith Johnstone gelernt habe. Im Mittelpunkt des Kreises liegt die erste Idee: Wohnung oder Blume oder jeder andere Startpunkt, den ein Improspieler auf der Bühne äußert. Um diesen Ausgangspunkt entsteht in den Köpfen des Publikums der „Kreis der Erwartung“. Wenn eine Blume zum Geburtstag übergeben wird, liegt es zum Beispiel außerhalb des Kreises der Erwartung, dass diese Blume sich gleich in ein Monster verwandelt. Und weil es außerhalb des Kreises der Erwartung liegt, ist die Idee „originell“ – ein Schimpfwort in der Impro-Welt von Keith Johnstone, in der ich sozialisiert wurde. Klar ist die Szene irgendwie spielbar, aber wir wissen nichts über sie, außer dass es jetzt schon etwas sehr Ungewöhnliches gibt, das ein Story-Versprechen mit sich trägt. In der Regel bekommt so eine Idee einen Lacher vom Publikum, während die Improspieler*innen auf der Bühne erstarren und sofort lebloser und uninspirierter aussehen. Und ich im Publikum bin in der Regel froh, nicht Teil dieser Szene sein zu müssen.

Wenn wir aber im Kreis der Erwartung bleiben, und dem „Wenn das wahr ist, was ist noch wahr“-Prinzip folgen, dann könnten die offensichtlichen – und spezifischen – Angebote so aussehen: „ Ich hab dir eine Blume zum Geburtstag mitgebracht.“ – „Wow, eine Rose.“ – Ja, sie trägt den Namen „King George. Aber pass auf, sie hat sehr große Dornen.“ – Autsch, ja, das stimmt, aber was für wunderschöne dunkelrote Blüten und was für einen Geruch nach Marzipan.“ Jedes der etablierten Details befindet sich im Kreis der Erwartung und damit im Rahmen einer nachvollziehbaren Welt. Aber der Kreis der Erwartung verschiebt sich auch mit jeder Spezifika. Wenn jetzt zum Beispiel in der Szene sich die Blutung nicht stoppen lässt und wir uns nach mehrfachem Stechen fast ohnmächtig vor Blutverlust auf dem Boden wiederfinden und uns dann der Geist von King George erscheint, dann haben wir uns den Weg dorthin verdient, da jedes Angebot den Kreis der Erwartung in eine spezifische Richtung verschoben hat, so dass selbst „Tod durch Blutverlust in Folge eines Fluches“ irgendwann im Kreis der Erwartung liegt. Die Szene entsteht durch einfaches Zug-um-Zug-Spielen, ist inspirierend und das Publikum wundert sich, wie wir schon am Anfang wussten, dass King George eine Rolle spielen würde. (Was wir natürlich nicht wussten. Wir waren nur spezifisch und damit inspirierend.)

Wenn wir spezifisch und offensichtlich sind, können wir uns von der Blume auch den Weg zum Monster organisch und offensichtlich erarbeiten. „ Ich hab dir eine Blume zum Geburtstag mitgebracht.“ – „Wow, eine Venusfalle, mit großen Klappen, in die die Insekten mit Marzipangeruch angelockt werden.“ – „Das riecht aber auch lecker, kein Wunder, dass gerade schon drei Fliegen drin gelandet sind.“ – Ja schau mal, wie schnell sie größer geworden ist.“ Und schwuppdiwupp sind wir in einer ähnlichen Story wie beim „Kleinen Horrorladen“ und müssen uns selbst aus der schnellwüchsigen und verführerischen Venusfalle befreien, weil wir Lust auf Süßes hatten.“

Wenn Spezifisch-sein ein Schlüssel ist zur Inspiration, warum sind wir dann trotzdem so oft originell statt spezifisch? Es gibt meines Erachtens zwei Gründe:

  1. Wir zweifeln daran, dass unsere offensichtliche Idee gut genug ist und wollen sie besser machen.
  2. Wir verstecken uns hinter der verrückten, originellen Idee.

Von Keith Johnstone stammt der Satz: „Jede*r ist auf seine eigene Art und Weise offensichtlich, aber auf die gleiche Art originell.“
Interessanterweise werden wir durch unseren Originalitätsdruck auf eine sehr absurde Art erwartbarer und „normaler“ denn fast jede*r in einem Impro-Anfängerkurs geht erstmal den „originellen“ Weg. Eine Blume wird nicht einfach eine Rose sein, sondern Lieder singen und blinken und auch staubsaugen können. Eine Wohnung wird nicht etwa ein Sofa haben, sondern ohne Zimmerdecke sein und überall Tiere herumrennen haben. In der Hoffnung, dass uns die originelle Idee interessant macht, zerstören wir jedes Angebot und packen uns unnötige Gewichte an die Beine, bevor wir überhaupt losgelaufen sind.

Offensichtlichkeit und Spezifität sind daher erstmal schwer, weil es das Vertrauen braucht, dass wir selbst und unsere naheliegenden Ideen gut genug sind. Wir zeigen uns dem Publikum mit unseren Assoziationen und der Funktionsweise unseres Geistes sowie unserer eigenen Welt. Wenn ich bei Blume zuerst an eine Venusfalle denke, lass ich die anderen in mein Gehirn ein. Und das macht Offensichtlich-sein interessant.

Aber wenn wir einmal das Vertrauen erworben haben, dass wie naheliegend sein dürfen und dass unsere Spezifität das Publikum fasziniert sowie meine Mitspieler*innen inspiriert, wird es gleichzeitig so viel einfacher, gemeinsam zu improvisieren.

Eine Übung zum Trainieren: Keith Johnstones Geschenke schenken.
Spielerin A schenkt Spieler B ein Geschenk als blindes Angebot. Spieler B definiert sofort das Geschenk und versucht, nahliegend zu sein und sich von der Art und Weise, wie ihm das Geschenk übergeben wird, inspirieren zu lassen. Ein Buch ist gut genug. Spielerin A macht das Geschenk spezifischer: Es ist z.B. der letzte Band von Harry Potter. Spieler B macht das Geschenk noch spezifischer nach dem Motto „Wenn das wahr ist, was ist noch wahr.“ Es ist ein Hardcover- Buch. Spielerin A macht es wiederum spezifischer. Es hat ein Widmung auf der ersten Seite: „Für meinen Freund Julian, den größten Harry-Potter-Fan der Welt, der nun endlich erfährt, wie alles endet.“ Wir ergänzen Spezifika immer weiter, bis beide eine sehr klare Vorstellung haben, was sie da in der Hand haben und beide inspiriert sind.


Nadine Antler – September 2026

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