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Eleganz

Einige Jahre lang war Shawn Kinley vom Loose Moose Theater ein Mentor für mich als Improspielerin. Ich hab sehr viel von ihm gelernt: erstmal eine Plattform zu etablieren statt sofort in den Konflikt zu starten, playful und „ungezogen“ (mischievious) zu sein, zu unterrichten, was die Gruppe braucht und so viel anderes mehr. Aber mit einem Feedback hab ich mich Jahr und Jahr herumgeschlagen und konnte mir nie so einen richtigen Reim darauf machen, was genau er meinte und wie ich das umsetzen sollte. Und es hat Jahre gedauert, bis ich irgendwann von selbst dahinter gestiegen bin.

Sein Feedback an mich war: „In Improvisation you are lacking elegance.“ – „Dir fehlt Eleganz bei Improvisieren.“ Ganz klar war von Anfang an, dass es nicht um meine Bewegungsqualität, sondern vielmehr um die Art und Weise geht, wie ich Dinge definiere und die Welt um mich herum baue. In den letzten Jahren hatte ich ein paar Aha-Erlebnisse, die dazu geführt haben, dass ich heute eleganter spielen kann.

Und diese will ich heute teilen und bin neugierig auf eure Rückmeldungen, Ergänzungen und auch auf Widerspruch dazu. Spoiler-Alert: Unser Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle ist die Wurzel von unelegantem Spiel.

Problem 1: (Über)erklären statt Prägnanz

Es gibt einen Unterschied, etwas auf der Bühne klar zu definieren oder es (über)-zu-erklären.
Ein klassisches Beispiel ist für mich „Wir sind ja Schwestern und haben uns schon früher nicht so gut verstanden. Seit 20 Jahren streiten wir uns. Jetzt wo Mutter ihr Bein gebrochen hat und wir an ihrem Krankenbett stehen, wäre vielleicht die Gelegenheit, dass wir uns endlich miteinander aussprechen.“ Kein normaler Mensch, den ich kenne, redet so. Auf der Bühne ist die Versuchung hoch, so zu sprechen, also „über-zu-erklären“ weil wir versuchen, vieles klar zu definieren. Keine Frage: Die Situation ist sehr klar etabliert. Aber die Szene ist trotzdem fast unspielbar, weil es keinen Raum für Zwischentöne, für echtes Verhalten zueinander gibt.

Die Versuchung, über-zu-erklären ist vor allem auch dann hoch, wenn der Stress zunimmt, z.B. wenn ich kritisiert oder geblockt werde. Dann kommt meist eine ausschweifende (erklärende) Rechtfertigung (und nicht etwa eine pointierte und emotionale Reaktion auf das Verhalten).

Ein Indiz dafür, ob ich gerade im Erklärmodus (bzw. Rechtfertigungsmodus) bin oder einfach nur etwas klar definiere, ist die Anzahl an Worten, die ich verwende. Ein weiteres Indiz ist, wie viel Informationen auf einmal gegeben werden. Ein drittes: Wieviele Wiederholungen benutze ich, um das Gleiche wieder und wieder zu sagen?

Der Schlüssel zur Eleganz:

  1. Prägnanz. Nur in Hauptsätzen sprechen. Worte begrenzen. Bewusst Punkte im Kopf setzen.
  2. Den ersten Impuls der Verteidigung oder Rechtfertigung vorbeiziehen lassen und den zweiten der tieferen Wahrheit nehmen.
  3. Emotional zuhören. Worte bei mir und den anderen nachwirken lassen. Auf den emotionalen Kontext reagieren statt immer weiter Sachargumente zu liefern.

    Und loslassen: „Bring a brick, not a cathedral.“


Problem 2: Sprechen statt Tun

Wenn ich mich darum drücke, die Szene voran zu treiben, kann ich sehr lange darüber sprechen, warum es wichtig ist, die andere Person zu verlassen, das Pferd ins Rennen zu schicken oder die Welt zu retten. Oh, es fühlt sich so wunderbar sicher an, nochmal etwas dazu sagen anstatt tätig zu werden und herauszufinden, was dann passiert. „Und deshalb möchte ich dir nochmal sagen, wieso es wirklich wichtig ist, jetzt Mutters Beatmung zu beenden: …“ – Ja, es ist angsteinflößend, zu handeln. Damit generieren wir einen neuen Moment generieren und treiben die Szene voran und müssen wieder neu imrpovisieren. Scary. Also sprechen wir einfach weiter…

„Ich möchte, dass wir uns ab jetzt nicht mehr sehen.“ Wenn ich einen klaren Impuls zur Veränderung von meiner Partnerin bekomme, kann ich viel dazu sagen, wie ich mich jetzt fühle und was genau das heißt. Solange allerdings keine emotionale Veränderung sichtbar wird, hat sie für die Zuschauenden nicht stattgefunden. Solange sie nicht zur Handlung führt, bleibt es schnell ebenfalls nur Erklärung – und noch mehr Text.

Schlüssel zur Eleganz:

  1. Die kinesthetische Antwort. Mit einer tatsächlichen körperlichen Veränderung reagieren: mit einem anderen Tempo, einer anderen Bewegungsqualität, einer konkreten Handlung. Schafft wiederum Raum für prägnante und elegante Sprache.
  2. In Handlungen denken. Zum Beispiel Keiths Übung „Sagte er, sagte sie“ trainiert uns perfekt darin, nicht noch mehr Text sondern Handlungen zu generieren.
  3. Sich (und andere) emotional beobachten. Wie reagiere ich eigentlich wirklich, wenn ich etwas erfahre, das einen „emotional impact“ für mich hat? Wie ändert sich mein Blickkontakt? Wie mein Bedürfnis nach Nähe und Distanz?

    Und loslassen: „Let the next moment take care of itself!“

Problem 3: Den Kontakt mit der Realität verlieren statt wirklich zu reagieren

Oft sprudeln wir nur so vor Worten, wenn wir keine Ahnung haben, was wir tun sollen. Wir haben die Hoffnung, irgendwie möge schon etwas Nützliches bei all dem Gesagten dabei sein oder zumindest ein passender Einfall kommen. Wir generieren Text ohne Ende, ohne uns selbst wirklich zuzuhören oder auf irgendetwas Bezug zu nehmen, was gerade passiert. Oder wir weichen aus, kneifen, reden über Abwesende, über Vergangenes oder Zukünftiges. Wir suchen – im Kopf – nach einer guten Storyline und nach Ideen – und sprechen wie ein Wasserfall. Das Problem: Obwohl wir vermeintlich viel beitragen, tun wir nichts, was der Szene Substanz geben könnte – und so müssen wir noch mehr Text liefern.

  1. Mit der Realität Kontakt aufnehmen. (z.B. im Meisner Training) Was passiert eigentlich gerade wirklich direkt vor mir? Wie fühle ich mich wirklich? Welche Impulse werden in mir freigesetzt? Diesen Raum geben.
  2. Bullshit benennen und an meine echte Lebensrealität andocken. Nicht dümmer und sozial weniger klug spielen als ich wirklich bin.
  3. Nach vorne spielen (Handeln, mich verändern lassen, ein Entscheidung treffen, die im Raum steht) oder in die Breite spielen (pointiert spezifischer werden).

    Und loslassen: „Just be truthful with this specific moment.“

    (c) Nadine Antler – August 2026

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